Endspielgott Carlsen

Gestern wurden wir Zeugen eines historischen Ereignisses: Mit seinem Erstrundensieg in London übertraf Magnus Carlsen (inoffiziell) Kasparows Elorekord von 2851 um 0,2 Punkte. Die ganze Schachwelt ist hingerissen von diesem herausragenden Erfolg. Die ganze? Nein, ein unbelehrbarer Querkopf in einem kleinen schwäbischen Dorf widersetzt sich weiterhin dem Zahlenfetischismus und interessiert sich mehr für den Inhalt der Partie. Dieser war nämlich durchaus bemerkenswert.


Magnus Carlsen ist ein Phänomen. Er ist sicherlich eines der größten Naturtalente aller Zeiten, holt seine Punkte aber oft in unspektakulärer Manier. Selbst gestandenen Weltklasseleuten gibt er Rätsel auf. Erfrischend ist seine Spielweise jedenfalls schon deshalb, weil er sich weitgehend dem modernen Computer-Vorbereitungswahnsinn entzieht. Wie der Norweger selber zugibt, macht ihm die Arbeit an der Eröffnung wenig Spaß, so dass er sie auf das Nötigste beschränkt. Sein Ziel besteht eigentlich nur darin, eine halbwegs spielbare Stellung aufs Brett zu bekommen, in welcher der Gegner keine forcierten Varianten herunterspulen kann. In diesem Sinne variiert er seine Systeme häufig und wendet alle möglichen Nebenvarianten an. Es ist schon erstaunlich, dass man ohne nennenswertes Eröffnungsrepertoire auf etwa 2850 Elo kommen kann! Oder um es ohne Zahlen auszudrücken: dass man fast jedes Superturnier gewinnen kann, ohne jemals irgendwo einzubrechen.

Wie holt Carlsen dann aber seine Punkte? In allererster Linie würde ich seine überragende Endspieltechnik hervorheben. Immer wieder gewinnt er Endspiele, in denen er teilweise zunächst gar nicht einmal besser steht. Seine Kollegen sind derartig auf ihre Eröffnungsvorbereitung fokussiert, dass sie vergessen, wie man Endspiele richtig behandelt. Die besagte Partie in London gegen Luke McShane lieferte hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Carlsen behandelte die Eröffnung als Schwarzer völlig ambitionslos und stand lange Zeit einfach etwas schlechter. Er verteidigte sich aber gelassen und schlug sofort zu, als er sich mit einer taktischen Möglichkeit befreien konnte. Daraufhin mündete die Partie in ein remisverdächtiges Endspiel. Und plötzlich war beim Engländer ein krasser Spielstärkeabfall zu bemerken! Er verstand überhaupt nicht, worum es ging! Seine Eröffnung war gut, das Mittelspiel bis auf die eine Unkonzentriertheit auch okay und das Endspiel… fürchterlich. Carlsen gewann ohne jegliche Mühe.

McShane, Luke J (2713) – Carlsen, Magnus (2848) [C67], 4th London Chess Classic London (1), 01.12.2012

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 Auch gegen den nicht gerade als Theoriemonster bekannten McShane wählt Carlsen also eine supersolide Verteidigung. Interessant dazu Anands Anmerkung, die Berliner Verteidigung sei ähnlich feuerfest wie Russisch, aber man müsse kaum Theorie auswendig lernen. Kein Wunder also, dass Carlsen diese Eröffnung mag! 4.0–0 Sxe4 5.Te1 McShane wählt seinerseits ein besonders sicheres Abspiel, das zu einer symmetrischen Bauernstruktur führt. 5…Sd6 6.Sxe5 Le7 7.Lf1 Sf5 8.Sf3 0–0 9.d4 d5

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Man fühlt sich an die französische Abtauschvariante erinnert. Allerdings stehen die schwarzen Springer etwas deplatziert, so dass man noch nicht von vollständigem Ausgleich sprechen kann. 10.g3 Lf6 11.c3 Te8 12.Txe8+ Dxe8 13.Lf4 Dd8 14.Ld3 Sfe7 15.Sa3 a6 Carlsens Spiel in dieser Phase macht einen leicht desinteressierten und wenig ausgefeilten Eindruck. 16.Sc2 Lf5 17.Lxf5 Sxf5

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18.g4!? Warum nicht? Weiß hat die aktivere Stellung und kann sich eine leichte Schwächung leisten, um den Druck zu erhöhen. 18…Sfe7 19.Se3 19.g5 Sg6 20.Lxc7! Dxc7 21.gxf6 kam durchaus in Betracht. 19…g6 20.Df1 Die Einleitung eines schönen Damenmanövers, das von Carlsen gelobt wurde. 20…Dd7 21.Dh3 Lg7 22.Dg3 Tc8

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Schwarz steht ganz schön gedrückt und die englischen Kiebitze waren hochzufrieden: „Kaum vorstellbar, dass McShane das verliert.“ So haben sich allerdings schon viele geirrt… 23.g5!? Etwas zweischneidig, aber keineswegs schlecht. Weiß will auf den schwarzen Feldern spielen. 23…Sd8 24.Le5 Se6 25.Lf6 Te8 26.Se5

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 26…Dd6 Dies war auch ein interessanter Moment. McShane rechnete lange an irgendwelchen hochkomplizierten und spektakulären Varianten nach 26…Db5, in denen er den Bb2 und sogar den Ta1 stehen lässt, um einen Mattangriff zu starten. Carlsen hingegen berechnete überhaupt nichts, sondern begnügte sich mit der Feststellung, dass die Dame deplatziert steht, wenn Weiß den Bauern einfach deckt. Ein gutes Beispiel für eine ökonomische Denkweise. 27.Kh1? Ein typischer Fehler, wie ich ihn in ähnlicher Form auch schon oft begangen habe. Weiß hat die Partie bisher klar dominiert und traut dem Gegner gar nicht mehr zu, irgendwelche taktischen Möglichkeiten zu haben. Man muss aber immer wachsam sein! Gut wäre stattdessen u.a. 27.h4 gewesen.

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27…Sxg5! 28.Lxg5 f6 Schwarz befreit sich und die Stellung wird ziemlich ausgeglichen. 29.Lxf6 Dxf6 30.Te1 c6 31.Kg2 Sc8 32.S3g4 Dd8 32…Df5??

Analysediagramm

Analysediagramm

33.Sxg6! Txe1 34.Sh6+! Lxh6 35.Se7+ wäre ein schöner Reinfall gewesen. 33.Sd3 Txe1 34.Sxe1 Sd6 35.Sd3 Sf5 36.Dh3 Lf8 37.Se3 Dg5+ 38.Kf1 Sxe3+ 39.fxe3 Kg7 40.Sf4 Df6

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Zeitkontrolle geschafft und nun sollte es doch wohl remis ausgehen…?! Im Endspiel zeigt sich aber plötzlich ein verblüffender Unterschied in der Spielstärke: Innerhalb von wenigen Zügen, ohne dass Weiß etwas Konkretes übersieht, steht Schwarz auf Gewinn! 41.Ke2 Ld6 42.Dg4 Kf7 43.h3 h5 44.Dc8 De7

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45.Sd3 Es ist schwer, einen bestimmten weißen Zug als entscheidenden Fehler zu brandmarken. Eher ist es so, dass McShane allgemein die Orientierung verliert und nicht weiß, was er machen soll. Schwarz will seinen König über f6 und g5 aktivieren und Weiß unternimmt dagegen… überhaupt nichts! 45…Kf6 46.b3 Kg5 47.c4 Kh4 48.c5 Diese Partiephase hat fast tragikomische Züge. Während Schwarz zielgerichtet seine Stellung verstärkt, eiert Weiß sinnlos herum. 48…Lg3 49.b4 Df7 50.a4 Der ganze Aufmarsch am Damenflügel bringt überhaupt nichts.

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50…g5 Hier spielt die Musik. Weiß steckt schon in großen Schwierigkeiten. 51.Kd2 Lh2 52.Se1 Kg3 53.Sc2 Lg1 54.Dd8 Kh4 55.Dc8 Lf2 56.Ke2 Kg3

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57.Dd8? Das verliert sofort, aber vermutlich gab es sowieso keine Rettung mehr. 57…Df5 Natürlich. Schwarz kassiert den Bh3 sogar gratis, anstatt ihn abtauschen zu müssen. 58.Kd2 Kxh3 59.b5 g4 60.bxc6 bxc6 61.Sb4 g3 62.Sd3 g2 0–1

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2 Gedanken zu „Endspielgott Carlsen

  1. > Sein [Carlsens] Ziel besteht eigentlich nur darin, eine halbwegs spielbare Stellung aufs Brett zu bekommen, in welcher der Gegner keine forcierten Varianten herunterspulen kann.

    Der will nur spielen!

    > In diesem Sinne variiert er seine Systeme häufig und wendet alle möglichen Nebenvarianten an.

    Gestern gab’s gegen Jones 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4 a6 5.h3!? Ich wusste gar nicht, dass das legal ist.

    > Daraufhin mündete die Partie in ein remisverdächtiges Endspiel.

    … wie auch kürzlich in Karjakin – Morozevich in Tashkent. Kaum zu glauben, dass ein Spieler wie Morozevich ein dermaßen remises Turmendspiel verliert.

  2. …wobei es bei Moro weniger an einem Verständnisproblem lag, sondern am Übersehen eines taktischen Motivs. Ein bisschen peinlich war’s natürlich trotzdem.

    Fortsetzung des Carlsen’schen Endspielreports:
    In Runde 2 gewinnt er gegen Aronian ein anfänglich leicht schlechteres Endspiel.
    In Runde 3 hält er gegen Kramnik ein Endspiel mit Bauer weniger remis.

    Der Rest bekleckert sich endspieltechnisch weiterhin wenig mit Rum. Immerhin konnte Aronian das in der Literatur noch wenig erforschte Endspiel mit 2 Damen gegen Turm und 2 Springer gewinnen…

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