Eppinger Endspielkatastrophen in Eppingen

Die Schachbundesliga ist in vollem Gange, nach dem Vorgeplänkel am Samstag folgt am Sonntag das Spiel Solingen gegen Baden-Baden, das die Meisterschaft höchstwahrscheinlich entscheiden wird. Auch wenn niemand gegen Baden-Baden wettet, wird das Spiel sicher total spannend. Ausgetragen wird das ganze in Eppingen – und scheinbar musste ein Gutteil der Eppinger Mannschaft, vor allem die Ungarn, gestern abend spät noch beim Stühlerücken und Aufbauen helfen.
Es steht 3-1 für Eppingen gegen den stark spielenden Aufsteiger Wiesbadener SV. Beruhigt lehnt sich der Mannschaftsführer Hans Dekan zurück, diese Führung sollten seinen Mannen nicht mehr aus der Hand geben (Hinweis: Dieser Absatz ist vom Autor frei erfunden). Schließlich stehen bei den letzten vier laufenden Partien folgende Stellungen auf dem Brett (Hinweis: Hier dreht der Autor etwas an der Chronologie).

Balogh (Eppingen) – Khenkin (Wiesbaden)

Pos1BaloghWeiß steht solide, hat gerade den Turmtausch angeboten. Schwarz darf den Abtausch nicht annehmen, da Weiß dann mit dem potentiellen Freibauern am Damenflügel wohl die besseren Chancen besitzt.

Kurnosov (Wiesbaden) – Postny (Eppingen)

Pos1PostnyWeiß hat einen Freibauern, aber sind die schwarzen (potentiellen) Freibauern nicht viel gefährlicher?

Acs (Eppingen) – Mista (Wiesbaden)

Pos1AcsDer Eppinger hat extrem gefährliche Freibauern am Damenflügel, aber natürlich muss man auch auf den Bauern auf h4 achten.

Medvegy (Eppingen) – Bulski (Wiesbaden)

Pos1Medvegy
Das ist die einzige Stellung, in der Eppingen wohl etwas schlechter steht – aber sollte der Turm letztendlich nicht doch die Freibauern aufhalten können?
Und nach dieser Vorstellung der kritischen Stellungen nun willkommen zu einer weiteren Folge Wie ich mal wieder über Großmeister lachen kann, weil bei mir immer ein Computer mitläuft.
Kommen wir zu der ersten Partie:

Balogh (Eppingen) – Khenkin (Wiesbaden)

Pos1BaloghHabe ich eben noch gemeint, Schwarz sollte keinen Turmtausch anstreben? Khenkin entscheidet sich genau dafür:
35…Txc3 36. Kxc3 Ke5 37. Kd3 d4 38. b4 h5
So. Weiß hat den potentiellen Freibauern am Damenflügel. Das einzige, was er nicht
machen darf, ist in folgende Stellung hereingeraten:
39. h4? Kd5 40. a3 Ke5
Pos2BaloghUnd Weiß gibt auf. Wie bitte? Warum das denn? Nun… dummerweise hat Weiß mit dem Zug 39.h4 ein Tempo verloren. Jetzt verliert Weiß in allen Varianten die beiden Bauern am Damenflügel:
a) 41. a4 Kd5 (42. b5 Kc5) 42. a5 a6 43. b5 axb5 44. a6 Kc6 45. a7
Kb7 46. a8=Q+ Kxa8 47. Kxd4 Kb7 48. Kc5 Ka6
b) 41. Kd2 Ke4 42. Kc2 (42.a4 Kd5 43. Kd3 g6 und Weiß muss wieder einen der beiden Damenflügelbauern vorziehen und diese so verwundbar machen) 42… d3+ 43. Kd2 Kd4
Auch wenn Weiß probiert, gleich mit 40.a4 vorzupreschen, ändert das nichts, da Schwarz den Tempozug 40…g6 hat.

Was war das Problem? Nun, Schwarz steht in dieser Stellung mit seinem König so, dass er, wie gesehen, nach a4 Kd5 Weiß praktisch im Zugzwang hat. Gehen wir nochmal zurück zu der kritischen Stellung:
Pos3BaloghDer richtige Zug ist:
39. a3 (39.a4 Kd5 und Weiß hat dasselbe Problem wie in der Partie. Bauernzüge am Königsflügel helfen nicht, da Schwarz Weiß in allen Varianten den Zug überlassen kann)
wonach Schwarz keine Wahl hat
Kd5 40. a4
und jetzt ist Schwarz im Zugzwang. Nun ist die Position am Königsflügel umgekehrt – Weiß kann Schwarz immer in Zugzwang bringen. Nach
40…Ke5 41.a5 Kd5 (41…a6 42.b5) 42.b5 Kc5 43.b6 axb6 44.axb6 Kxb6 45.Kxd4
holt Weiß sich den Bauern h5 ab und gewinnt.
Übrigens ist die Anfangsstellung eine der seltenen Stellungen, wo der Mensch viel schneller als der Computer das wesentliche Stellungsmerkmal (entfernter Freibauer) erkennt. Houdini 1.5 gibt bei mir nach knapp einer Minute Rechenzeit immernoch Txc3 als den besten Zug an. Und auch danach erkennt er lange nicht, dass die schwarze Stellung eigentlich glatt verloren ist (wenn ich mich jetzt nicht irgendwo vertan habe). Es sei denn natürlich, man entscheidet sich für den einen falschen Tempozug.

Na gut. Die Partie ging daneben. Aber es gibt ja noch drei weitere.

Kurnosov (Wiesbaden) – Postny (Eppingen)

Pos1PostnyIn der Partie folgte hier
50…Sg6?
Eine komplett falsche Idee. Wollte Postny hier einfach das Remis absichern?
51.Sg3 Sxh4 52.Kxh4
Und Weiß gelingt es hier, eine Festung gegen den c-Bauern aufzubauen. Ich glaube, in einem meiner Endspielbücher wird als Prinzip angegegeben Gebe niemals Material her (wohlgemerkt… als Prinzip). Wie geht es richtig?
50…Kxb3
Den Bauern zu schlagen hätten manche als naheliegend empfunden.
51.Sg3 Der Springer eilt zur Verteidigung heran 51…c4 52.Kg5 Sg8 (damit der schwarze König einen längeren Weg zurücklegen muss) 53.Kg6 (nicht das Beste laut Houdini, aber konsequent) 53…Kc2 (blockt den Springer) 54.Kg7 Kd3 55.Kxg8 c3 56.h5 c2 57.h6 c1D 58.h7 Dg5+ und aus.
Die Variante von Anfang an zu sehen, ist sicher nicht ganz einfach – aber es ist nicht so schwierig zu sehen, meiner Einschätzung nach, dass der Springer sich auf jeden Fall unter bessere Umständen opfern kann. Und das hätte ja gereicht.

Was macht der nächste Ungar im Feld? Peter Acs hatte ja, wie gezeigt, bereits Vorteil erlangt.

Acs (Eppingen) – Mista (Wiesbaden)

Pos1Acs
Am gefährlichsten für Schwarz ist sicher der Freibauer auf a6, der jetzt aber angegriffen ist. Weiß kann ihn mit der Dame decken – entweder mit 50.Dc8 oder mit 50.Da5. Hier möchte ich nicht tief in die Varianten hineingehen, da sie nicht erzwungen sind, sondern lediglich die Feststellung treffen, dass Houdini den Zug Da5 besser bewertet. Die Dame steht hier einfach besser, um den Vormarsch der Bauern zu unterstützen. Acs dagegen spielt
50.Dxe7?? Lxe7 51.a7 Ta6 52.a8D Txa8 53.Lxa8
und trotz des Mehrbauern ist die Stellung dank der ungleichfarbigen Läufer und der schwarzen Freibauern natürlich Remis. Was war das denn? Nerven verloren? Zeitnot kann es eigentlich nicht sein, am Ende hatte Acs immernoch 17 Minuten übrig.

Und die letzte Partie

Medvegy (Eppingen) – Bulski (Wiesbaden)

Pos1Medvegy
Die Stellung ist zugegebenermaßen nicht einfach. Weiß spielte
66.Te1? Txg7 67.Kxg7 b4
und die Freibauern entscheiden den Tag für Schwarz. Richtig wäre es gewesen, den Turm hinter die Freibauern zu bringen:
66.Te8!
Schwarz hat nun mehrere Möglichkeiten, aber die herausfordernste ist
66…b4
Nun verliert 67.g8D Txg8 68.Txg8 b3, obwohl der Turm hinter den Freibauern ist – die sind einfach zu weit vorgeprescht. Richtig ist dagegen
67.Te5+ und nun gibt es auch für Schwarz nur einen richtigen Zug 67…Kb6 68.Tg5 (68.Te6+ remisiert auch, aber bleiben wir einfach) 68…Txg5 69.Kxg5 a2 70.g8D a1D (wäre der schwarze König im 67.Zug nach a4 oder a6 gezogen, würde er jetzt einfach durch das Schach auf a8 die Dame verlieren) 71.Dd8+ (oder irgendein anderes Schach) und Schwarz kommt aus dem Dauerschach nicht mehr heraus.

Statt des möglichen 6.5-1.5 also letztendlich 4-4 für Eppingen. Beide Mannschaften schweben im luftleeren Raum, wo weder nach oben noch nach unten etwas geht – aber geärgert haben wird es die Eppinger trotzdem.

Nicht im luftleeren Raum schwebt Bremen, die derzeit mit ihrem neuen Konzept in Abstiegsgefahr geraten sind und es heute mit dem SV Mühlheim Nord zu tun bekommen haben. Beim Stande von 3.5-3.5 lief noch die Partie am Spitzenbrett Fridman-McShane, wo Schwarz (Bremen) in einem Damenendspiel einen einzigen Bauern (gegen null von Weiß) hatte. Eine extrem schwierig zu spielende Stellung – am Ende machte Schwarz Remis, bei einem von der Datenbank angekündigten Matt in elf. Ärgerlich… allerdings hatte McShane auch nur noch 2 Minuten (+30 sec/Zug) auf der Uhr. Mal schauen, ob das Bremen in der Endabrechnung noch schaden wird.

Ach ja – und herzlichen Glückwunsch an die Webmaster der Schachbundesligaseite. Nach nur knapp zwei Monaten wurde das Problem behoben und die Seite ist wieder online. Gratulation! (Das musste jetzt noch raus).

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